„Der Schutz der Kinder muss Vorrang haben“: Stopp der US-Entwicklungshilfe erschwert humanitäre Hilfe in der Ukraine (Serie: Der Wegfall von USAID und seine Folgen, Teil 2)

Kiew (ots) –

Die ukrainische Bevölkerung erlebt den fünften Kriegswinter. Kinder und ihre Familien sind extremen Belastungen ausgesetzt: Raketen- und Drohnenangriffe zerstören Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser. Strom, Licht und Wärme fehlen. In Teilen des Landes ist die Energieversorgungslage katastrophal, auch wegen ausbleibender US-Entwicklungsgelder. Humanitäre Hilfe ist vielerorts dringend nötig, doch auch die wird von den Streichungen beeinträchtigt. Serhii Lukashov, nationaler Leiter der SOS-Kinderdörfer Ukraine, sagt: „Die Finanzierungsstopps haben nationale Hilfsorganisationen schwer getroffen. Darunter leiden vor allem die Kinder – angesichts einer ganzen Generation kriegstraumatisierter, vertriebener und verschleppter Kinder muss ihr Schutz Vorrang haben.“

Die Ukraine ist kein Einzelfall. In einer Serie zeigen die SOS-Kinderdörfer, welche Folgen die Auflösung der US-Entwicklungsbehörde USAID und der Stopp zentraler Förderprogramme für Kinder und Familien in besonders betroffenen Ländern haben. Weitere Berichte folgen aus Afrika, Asien und Südamerika.

Fehlende Mittel steigern die Not der Kinder

Die Ukraine ist eines der Länder, das von den Streichungen am stärksten betroffen ist. Noch 2024 investierten die USA aufgrund des Krieges mehr als 5,4 Milliarden US-Dollar, unter anderem in den Wiederaufbau der Infrastruktur, in die Gesundheitsversorgung und die humanitäre Hilfe. Laut UN waren 2025 rund 12,7 Millionen Menschen in der Ukraine auf humanitäre Hilfe angewiesen, darunter etwa zwei Millionen Kinder. Die Zahl der Binnenvertriebenen lag bei 3,7 Millionen. Bei den über 500 Hilfsorganisationen, die insbesondere geflüchtete Kinder und ihre Familien, sowie die in den Frontgebieten lebenden Menschen unterstützen, handelt es sich zu 70 Prozent um nationale NGOs. Die Helfenden schaffen etwa Schutzräume für Kinder, wo sie neben Nahrung und medizinischer Versorgung auch psychosoziale Unterstützung erhalten. „Vielen dieser Schutzräume droht die Schließung! Die Schutzräume sind mehr als nur Notunterkünfte: Sie sind ein Ort, an dem Kinder spielen und lernen, einfach Kind sein können“, sagt Lukashov. Unmittelbar von den Streichungen betroffen sei zum Beispiel die Organisation ,League of Social Workers of Ukraine‘, die ihre Hilfsprojekte in zwölf Regionen einstellen musste. Der ,Martin-Club‘ könne seine mobilen Teams nicht länger finanzieren, die in den Frontregionen Soforthilfe leisteten. Ebenso wie die SOS-Kinderdörfer gehören beide dem NGO-Verbund ,Ukrainian Child Rights Network‘ (UCRN) an, der sich für Kinderschutz und die Stärkung der Kinderrechte engagiert. „Die SOS-Kinderdörfer Ukraine agieren unabhängig von USAID-Geldern, aber die übrigen UCRN-Mitglieder haben Finanzmittel von über 340.000 US-Dollar verloren“, so Serhii Lukashov.

Bekämpfung von Deportationen ukrainischer Kinder gerät ins Stocken

Der Finanzierungsstopp hat auch die Aussetzung eines weiteren, vom UCRN geleiteten Kinderschutz-Projekts zur Folge. Die Initiative hat die Bekämpfung von Zwangsdeportationen und Indoktrination ukrainischer Kinder durch die russischen Besatzungsbehörden zum Ziel. Gemäß des Netzwerks seien rund 1,6 Millionen Kinder davon bedroht. Laut Schätzungen sollen bis zu 20.000 Kinder unrechtmäßig verschleppt worden sein, zum Beispiel in militärische Ausbildungslager. Viele Kinder aus ukrainischen Waisenhäusern würden an russische Adoptiveltern vermittelt. „Das Projekt hat entscheidend dazu beigetragen, die enorme Informationslücke zu schließen, die bei den Familien besteht“, sagt Serhii Lukashov. So seien Familien über ihre Rechte aufgeklärt und Kontakte zu Rettungsdiensten vermittelt worden. Darüber hinaus habe sich die Initiative für die Rückkehr der deportierten Kinder und für die Familienzusammenführung eingesetzt. „Das Beispiel zeigt, wie wichtig die Finanzierung von Kinderschutz-Programmen in sozialer und ethischer Hinsicht ist, auch wenn die Förderung von Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekten vielen bedeutsamer erscheint. Die Ukraine ist jetzt in allen Bereichen extrem auf Gelder der europäischen Gebergemeinschaft angewiesen. An die Bezuschussung sollten aber strengere politische, rechtliche und auch ethische Bedingungen gekoppelt sein, um der Korruption den Nährboden zu nehmen“, resümiert Lukashov.

Hintergrund zur Serie: Die Folgen des USAID-Stopps

Die SOS-Kinderdörfer dokumentieren in einer Reihe von Berichten die Auswirkungen der Auflösung von USAID auf besonders betroffene Länder. Neben der Ukraine gehören dazu unter anderem Peru, Kolumbien, Thailand, Nigeria und Simbabwe. USAID zählte jahrzehntelang zu den größten Gebern weltweit. Mit der Eingliederung in das US-Außenministerium im Februar 2025 wurden zahlreiche Programme gestoppt oder massiv gekürzt – mit direkten Folgen für Gesundheitsversorgung, Kinderschutz, humanitäre Hilfe, Friedensförderung und Kriminalitätsbekämpfung. Laut einer Studie der Fachzeitschrift ,The Lancet‘ könnten die Einschnitte bis 2030 zum Tod von bis zu 4,5 Millionen Kindern beitragen.

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Boris Breyer
Pressesprecher SOS-Kinderdörfer weltweit
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